Menu

Leseprobe

Vor Jahren habe ich ein bislang unveröffentliches Kinderbuch geschrieben und illustriert.

Beim Sichten von älteren Unterlagen fiel mir nun das Manuskript wieder in die Hände und mir kam die Idee, einfach mal eine Leseprobe daraus auf meine Website zu stellen...

Kurz zur Handlung:

Der kleine Mats wohnt mit seinen Eltern und seinem größeren Bruder Kjell in einem gemütlichen Holzhaus.

Eines Tages entdeckt Mats im Garten den sprechenden Maulwurf Henry. Die beiden werden dicke Freunde...

Natürlich wird es nicht einfach, die Familie von der Existenz eines sprechenden Tieres zu überzeugen...

Als diese Hürde aber genommen ist, entwickeln sich viele, nicht nur abenteuerliche, Geschichten...

Das Buch nannte ich, aus einem entsprechenden Kapitel abgeleitet, "Mit Batterien leuchten die Sterne heller".

In der folgenden Geschichte versucht der Vater von Mats aber erst einmal, auf nicht ganz alltägliche Art und Weise, ein Rad seines Autos zu wechseln...

Ich freue mich, wenn der eine oder andere, auch Erwachsene, Spaß daran hat...

 

Mit Batterien leuchten die Sterne heller

 

 

 

 

                               Papi wechselt ein Rad

 

 

Das rote Holzhaus von Mami und Papi stand auf einem Hügel mit vielen alten Bäumen drum herum.

Wenn man sich vom Haus entfernte, verlief die kleine, holprige Straße mit viel Gefälle erst geradeaus und mündete dann in einer scharfen Rechtskurve.

Genau auf dieser Ecke hatten Herr und Frau Olsen ihr Haus stehen.

Es war auch aus Holz gebaut, allerdings gelb gestrichen und mit grauen Fensterrahmen versehen.

Herr und Frau Olsen waren ein älteres Ehepaar. Sie schienen nett zu sein, denn wenn man sich sah, winkten sie freundlich und wünschten einen guten Tag.

Da Mami, Papi, Kjell und Mats erst vor kurzem in ihr rotes Haus gezogen waren, kannten sie die Olsens noch nicht näher.

Dies sollte sich heute schlagartig ändern!

Wie immer, wenn Papi etwas in die Hand nahm, fing alles ganz harmlos an.

Es war Samstagnachmittag. Papi wollte Altglas wegbringen. Er hatte sein Auto vor dem Haus geparkt, öffnete die Heckklappe und verstaute alles. Dann setzte er sich in das Fahrzeug, startete den Motor und fuhr los.

Da polterte und flatterte es in der Lenkung!

Papi hielt an, stieg nachdenklich aus und lief mit prüfendem Blick um das Auto.

Der Wagen hatte vorne rechts einen platten Reifen! Papi ging erst einmal ins Haus.

„Schatz“, rief er dort, „kann noch nicht losfahren, das Auto hat einen Platten! Muss erst mal ein Rad wechseln!“

Mami topfte gerade im Garten Pflanzen um. Sie ahnte nichts Gutes, als diese Nachricht ihre Ohren erreichte.

Sofort ließ sie die kleine Schaufel fallen und machte sich auf den Weg, um Schlimmeres zu verhindern!

Mats und Henry, die auf der Terrasse gespielt hatten, liefen aufgeregt vorne weg.

„Aber Liebling“, meinte Papi mit fachmännischem Blick, „es sind doch nur vier Schrauben!“

„Eben drum“, sagte Mami, „aber wenn du meinst, mach nur, mach nur!“

Ihre Augen sagten mehr als tausend Worte!

Mats und Henry waren schon zum Auto gelaufen und schauten sich die Bescherung mit ernster Miene an.

„Der hat aber komische Füße!“ stellte Henry mit in Falten gelegter Stirn fest.

Mats lachte: „Das sind Räder, Henry, beim Auto heißen die Dinger Räder.“

„Aha“, meinte Henry.

Dann kam Papi. Er öffnete die Heckklappe und wuchtete das Ersatzrad heraus.

Prüfend ließ er das Rad auf die Straße plumpsen, sodass es in seine Hände zurücksprang!

„Hab erst mal geprüft, ob es auch in Ordnung ist“, triumphierte er und dann: „Genügend Luft ist drauf, alles okay!“

Er hat vom Zollstock dazugelernt, dachte sich Mats und freute sich über Papis Lernbereitschaft. *Die Geschichte mit dem Zollstock bezieht sich auf ein vorangegangenes Kapitel.

In der Zwischenzeit hatte Papi auch den Wagenheber gefunden und zeigte ihn stolz Mats und Henry. Diese nickten anerkennend.

Nun lief er wieder um das Auto herum und lehnte erst einmal das Ersatzrad an die vordere Stoßstange!

Da schaute Mami zur Haustür heraus.

„Möchtet ihr etwas trinken?“ fragte sie und fügte lachend hinzu, „eventuell ein Bier, Schatz?“

„Damit bin ich durch!“ knurrte Papi empfindlich und dann etwas netter: „Vielleicht ein bisschen Wasser oder Limonade“. *Auch das mit dem Bier klärt sich in einer vorherigen Geschichte.

Papi sollte jedoch in wenigen Minuten feststellen, dass die Getränkewahl allein keinen unbedingten Einfluss auf kleinere oder mittlere Katastrophen hatte.

Erst einmal löste er mit einem Schraubenschlüssel die Radmuttern.

„Kann man dem Auto etwa die Füße abmachen?“ fragte Henry erstaunt.

Papi und Mats lachten.

„Ja, das geht“, schnaubte Papi freundlich.

Dann kam Mami mit der Limonade aus dem Haus, rief fröhlich, „Zeit für eine Pause!“ und gesellte sich zu ihren Männern.

Jeder griff sich ein Glas. Es schmeckte köstlich.

„Wie geht’s voran?“ fragte Mami interessiert.

„Super! Kein Problem, Schrauben sind schon los!“ antwortete Papi.

„Wieso ist das Rad eigentlich platt?“ fragte Henry.

„Also, ich vermute“, erklärte Papi, „dass ich da vorn in den Reifen eine Schraube oder einen Nagel rein gefahren habe. Und jetzt ist dort ein Loch und da geht die Luft raus!“

„Ja“, rief Mats, „so was ähnliches ist mir auch schon mal passiert. Ich bin mal im Garten auf eine Biene getreten. Da hatte ich einen Stachel im Fuß!“

„Ist da aus deinem Fuß auch die Luft rausgegangen?“ fragte Henry völlig entsetzt.

Mami und Papi prusteten vor Lachen in ihre Gläser!

„Ach, mein Schatz“, sagte Mami liebevoll zu Henry, „ein Fuß ist zum Glück kein Reifen. Da ist keine Luft drin. Im Fuß sind Knochen und Muskeln.“

Der kleine Maulwurf hörte aufmerksam zu. Er wusste zwar nicht, was Knochen und Muskeln sind, Liebling versprach ihm aber, diese Dinge später zu erklären!

Denn erst einmal war der Radwechsel interessanter!

„So, jetzt aber weiter!“ rief Papi und stand entschlossen auf.

Nachdem sich Mami rückversichert hatte, ob sie ihrem Mann wirklich nicht helfen könne, nahm sie die leeren Gläser und ging in das Haus zurück.

Jetzt schob Papi den Wagenheber unter das Auto und ritsch -ratsch hob sich das Gefährt in die Höhe.

Vorn an der Stoßstange wackelte das angelehnte Ersatzrad!

Dann ruckelte Papi am kaputten Rad herum, um es abzunehmen!

Das angelehnte Ersatzrad wackelte noch mehr!

Mats und Henry schauten gebannt zu. Die Spannung war kaum zu ertragen!

„Etwas höher“, stöhnte Papi angestrengt.

Ritsch –ratsch. Das Auto stieg noch etwas weiter in die Luft! Papi ruckelte erneut, und vorn an der Stoßstange setzte sich langsam das Ersatzrad in Bewegung!

Dafür hielt Papi jetzt stolz das defekte Rad fest in seinen Händen!

„Du, Papi“, rief Mats, „da vorn eiert ein Rad rum!“

Papi schaute kurz hinter seinem Auto hervor, hockte sich wieder hin und murmelte nachdenklich: „Wo kommt das denn nur her?“

Dann tauchte sein Kopf über dem Kotflügel wieder auf. Nur dieses Mal wesentlich schneller und mit viel größeren Augen!

„Halt, halt!“ schrie er nun und sprang panisch vor den Wagen.

Das Rad gehorchte nicht. Stattdessen erhöhte es einfach seine Geschwindigkeit!

Mats und Henry schauten fasziniert dem Geschehen zu!

„Das Rad läuft ja sogar ohne Motor!“ stellte Henry überrascht fest und Mats rief so laut er konnte: „Mami, komm mal, Papi versucht gerade ein Rad zu fangen!“

Denn Papi war jetzt losgerannt. Und wie! Mit umherfuchtelnden Armen lief er so schnell er nur konnte! Immer wieder rief er: „Halt, halt!“

Henry fragte, warum Papi immer halt, halt riefe, schließlich hätte das Rad doch gar keine Ohren!

„Erwachsene!“ meinte Mats hierauf nur beiläufig und zuckte mit den Schultern.

Unterdessen drehte sich das Rad immer schneller!

Im gleichen Verhältnis hierzu wurde Papi immer langsamer. Allmählich verließen ihn seine Kräfte.

Das Rad gab ihm nicht die geringste Chance!

Es näherte sich mit schwindelerregender Umdrehungszahl der Rechtskurve, an deren Ende das Haus der Olsens stand!

Papi blieb keuchend und erschöpft stehen, stützte sich mit den Händen auf den Knien ab, und musste tatenlos mit ansehen, was dann geschah!

Das Rad knallte mit voller Geschwindigkeit gegen einen großen Stein und wurde in den hellblauen Sommerhimmel katapultiert!

Wie eine fliegende Untertasse segelte es nun über die grünen Wipfel der Bäume und verschwand schließlich auf dem Grundstück der Nachbarn.

Herr und Frau Olsen saßen gerade an ihrem liebevoll gedeckten Kaffeetisch, als das Ersatzrad wie ein Komet in diesen mit unbeschreiblicher Wucht einschlug!

Es klirrte und krachte! Geschirr zerbrach, Kaffeetassen kippten um. Köstliche Sahnetorte landete in den Gesichtern der netten Nachbarn.

Zu guter Letzt meldete sich der durchaus solide Holztisch mit einem herzerweichenden Knarrgeräusch, bevor er, wie in Zeitlupe, in sich zusammensackte und plan auf dem frisch gemähten Rasen lag.

Papi stand wie angewurzelt auf der Straße. Er konnte es nicht fassen! Am liebsten wäre er im Erdboden versunken.

Dann erschienen Herr und Frau Olsen zwischen den Bäumen!

Während sich Herr Olsen die letzten Reste der Torte aus dem Gesicht wischte, rief er fragend zu Papi hinüber, ob er zufällig einen Autoreifen mit dazugehöriger Felge vermisse. Bei ihm wäre soeben solch ein Objekt gelandet!

Papi konnte nicht mehr. Er hockte sich hin, hielt sich mit einer Hand die Stirn und rief so gut er noch konnte: „Herr und Frau Olsen, ich bin ja so froh, dass ihnen nichts passiert ist. Für den Schaden komme ich selbstverständlich auf!“

Dann spürte er eine kleine Hand auf seiner Schulter, die ihn tröstend klopfte.

Papi schaute zur Seite und sah in die großen, blauen Augen von Mats.

„Weißt du was, Papi“, sagte Mats, „du warst gar nicht so schlecht! Fast hättest du das Rad gefangen. Ich hab dich echt schon langsamer gesehen!“

Da nahm Papi Mats in die Arme und drückte ihn ganz doll!

Eine Woche später wurde bei den Olsens kräftig gefeiert. Papi hatte einen neuen Tisch gekauft und Mami suchte ein sommerliches Geschirr in bunten Farben aus, das Frau Olsen viel besser als das zerstörte alte gefiel.

Als Herr und Frau Olsen Henry kennenlernten, schnappten sie erst einmal kräftig nach Luft! Sie gewannen ihn aber sehr schnell lieb.

Es wurde ein wunderbarer Abend, an dem viel gelacht, gegessen und getrunken wurde. Als sich dann Mami, Papi, Kjell, Mats und Henry von Herrn und Frau Olsen verabschiedeten, gingen sie als Freunde auseinander.

Hand in Hand schlenderten die fünf langsam die holprige Straße zum roten Holzhaus hinauf.

 

Plötzlich meldete sich ein kleiner, müder Maulwurf zu Wort:

„Das war wirklich ein schöner Abend“, gähnte Henry, „vielleicht sollten wir noch einmal einen Autofuß in den Garten schießen. Dann werden wir sicherlich wieder eingeladen!“

 

zurück nach oben